
Als ich begonnen habe, mich mit Traumaheilung zu beschäftigen, hat mal eine Freundin zu mir gemeint, sie finde diese Ansätze nicht gut, weil da ja immer nur die Schuld bei den Eltern und vor allem bei der Mutter gesucht werde. Das habe doch nichts mit Heilung zu tun.
Und später, als ich dann selbst Kinder hatte, habe ich schon gemerkt, dass dieses Wissen um unsere frühkindlichen Bedürfnisse und das Wissen darüber, wie frühkindliches Trauma entsteht, etwas in mir berührt. Da kamen dann solche Fragen auf, wie: Mache ich alles richtig? Bin ich jetzt Schuld, wenn mein Kind später Probleme hat? Mache ich zuviel, zuwenig? Puh, das ist garnicht so einfach, und gerade, wenn man eigenes Trauma im Gepäck hat, kann man da ganz schön ins Schlittern kommen, wenn das Thema Schuld auf einmal im Raum steht.
Doch schauen wir doch zunächst mal an, was ist denn die Rolle der Mutter? Die Mutter ist zu Beginn unseres Lebens unsere primäre Bindungsperson. Natürlich immer gemeinsam mit dem Vater. Doch hier in dem Beitrag soll es zunächst mal um die Rolle der Mutter gehen.
Und das beginnt nicht erst mit der Geburt, sondern bereits in der Schwangerschaft. Dieser kleine Embryo im Bauch der Mutter braucht eine Mutter, die seine Existenz wahrnimmt und liebevoll willkommen heißt. So dass diese Seele, die im Bauch der Mutter gelandet ist spürt: Meine Existenz wird wahrgenommen, ich existiere, jemand gibt mir Halt, Ich bin sicher, ich bin willkommen. Hier werden schon ganz elementare Grundprägungen für unser ganzes späteres Leben gelegt.
Außerdem braucht das Baby das regulierte Nervensystem der Mutter, so dass sich das eigene lebendige Sein entwickeln kann
Hierzu benötigen wir eine Mutter, die ein gesundes, reguliertes Nervensystem hat. Ein gesundes Nervensystem drückt sich wie folgt aus:
Durch die Anlehnung und das Spüren dieses regulierten Nervensystems der Mutter kann sich auch das Nervensystem des Babys gesund entwickeln. So kann später als Erwachsener ein natürlicher Rythmus zwischen Aktivität und Ruhe erfolgen, wir können uns selbst und unsere Grenzen gut wahrnehmen und können unsere Bedürfnisse auch gut kommunizieren.
Also kurz gesagt: unsere erste Beziehung in unserem Leben, also die Beziehung zwischen Mutter und Kind prägt uns für unser ganzes weitere Leben…
Wenn du das jetzt liest, denkst Du bestimmt: ja genau, da ist sie ja die perfekte Mutter, die ihrem Kind den perfekten Start ins Leben bietet.
Und natürlich könnten wir jetzt auch noch ausführen, welche Folgen es für das Baby hat, wenn all diese Voraussetzungen nicht erfüllt sind. Aber das soll heute nicht unser Thema sein. (Vielleicht gibt es dazu mal noch einen weiteren Blogartikel)
Doch die Frage, die sich hier stellt ist doch: Gibt es diese perfekte Mutter überhaupt? Und wenn wir merken, nein, wir sind es nicht, ist es dann nötig oder überhaupt möglich zu dieser perfekten Mutter zu werden?
Ich denke wir sind uns alle einig, dass es diese perfekte Mutter nicht gibt. (Ich kenne auf jeden Fall keine). Und auch wenn wir manchmal denken: Bei der Familie ist alles toll. Ich denke jeder von uns bringt mehr oder weniger seine Themen mit, die sich dann in solchen Umbrüchen und extremen Situationen, wie der Geburt unseres Kindes, auf einmal zeigen und an die Oberfläche blubbern. Dinge, die wir vielleicht im normalen Alltag „unten halten“ können, brechen dann auf einmal hervor.
Wir können als Mutter auch immer nur das weitergeben, was wir selbst von unseren Müttern erhalten oder gelernt haben. Wenn ich z.B. nie gespürt habe, wie sich ein reguliertes Nervensystem anfühlt, kann ich das natürlich auch nicht an meine Kinder weitergeben. Wenn ich selbst nie das Gefühl hatte, auf einer tiefen Ebene wahrgenommen und gesehen zu werden, kann ich dieses Gefühl auch nicht meinen Kindern vermitteln.
Ich denke, wir sind da einfach auch eingebunden in die Themen und traumatischen Erfahrungen unserer Vorfahren. Oft sind die Dinge einfach wie sie sind. Sie sind so, wie sie an uns weitergegeben wurden. Bin ich dann schuld, wenn ich es bei meinen Kindern nicht perfekt mache? Nein, sicher nicht und ich denke, wir dürfen uns da von diesem Thema Schuld etwas lösen und dürfen da etwas lockerer werden.
Und wir sollten vielleicht auch mal anerkennen, dass wir die erste Generation überhaupt sind, die in dem Luxus lebt, sich um solche Themen und Traumen zu kümmern. Womit ich nicht sagen will, dass diese Arbeit immer schön ist. Aber dennoch haben wir heute Zeit und Raum um uns mit solchen Themen zu beschäftigen.
Meine Eltern sind nach dem zweiten Weltkrieg geboren. Es ging darum, einen Betrieb aufzubauen, für die Existenz und das Überleben der Familie zu sorgen. Mein Opa hat im zweiten Weltkrieg gekämpft während meine Oma zuhause die Landwirtschaft mit einquartierten Flüchtlichen weitergeführt hat. Es ging also schlicht ums Überleben. Da hat keiner gefragt, ob irgendjemand sein Kriegstrauma geheilt hat. Was zum damaligen Zeitpunkt sicher auch richtig war. Es musste ja weitergehen und den Kindern sollte es ja mal besser gehen.
Also ich denke, das Schuldthema dürfen wir loslassen. Wir sind nicht Schuld, dass wir es nicht besser können. Trotzdem sind wir ja die Erwachsenen. Also einfach zu sagen: Ja, das ist halt so, unsere Kinder müssen halt damit leben, wir haben es ja auch überlebt, fühlt sich für mich auch nicht stimmig an.
Ich denke, es geht im Kern darum, dass wir die Verantwortung für uns selbst und für die Beziehung zu unseren Kindern übernehmen. Wir haben heute viel mehr Wissen über Trauma und Nervensystem und die Folgen für unsere Kinder. Dann können wir das auch nicht einfach ünberücksichtigt lassen.
Zunächst einmal ist es meiner Meinung nach wichtig zu realisieren: Es geht nicht darum, die perfekte Mutter zu sein oder zu werden. Unsere Kinder werden in eine Welt geboren, in der vieles nicht perfekt ist und wir können sie da auch nicht vor allem beschützen. Viel wichtiger ist es doch, dass sie innerlich stabil und resilient sind und sich als selbstwirksam wahrnehmen. Doch wie erreichen wir das?
Um das zu erreichen, braucht es keine perfekte Mutter, sondern eine Mutter, die Verantwortung für sich und ihre Emotionen und Themen übernimmt. Dies bedeutet für mich erst einmal, anzuerkennen, dass ich vielleicht Defizite in manchen Bereichen habe. Und wenn ich als Mutter merke, dass ich nicht mehr in meiner Mitte bin, mich zunächst einmal um mich kümmere und um das Thema, das sich da grad zeigt.
Dabei muss es nicht immer gleich die Coaching-Sitzung sein. Oft helfen im Alltag auch kleine Routinen, um wieder in seine Verbindung zu kommen.
So habe ich in diesem Blogbeitrag (Triggermomente – 4 Schritte um wieder in Deine Balance zu kommen) beschrieben, wie wir in überfordernden Momenten wieder in Balance kommen können.
Sehr hilfreich sind auch kleine Auszeiten für uns selbst (vielleicht ein kleiner Spaziergang, eine bewusste Tasse Tee, ein Gespräch mit einer Freundin). Oft hilft uns ein bisschen Abstand von der Situation, wieder mehr Klarheit zu spüren.
Manchmal tut es auch nur schon gut, sich innerlich anzulehnen. Vielleicht an einen Baum, einen Fels oder an eine Person, die uns wohlgesonnen ist.
Besonders schön ist es natürlich, wenn wir gerade in der Schwangerschaft oder auch später begleitet werden auf unserem Weg als Mutter. In meiner Schwangerschaftsbegleitung schauen wir z.B. immer wieder: wie geht es dir gerade? Was ist gerade präsent? Welche Gefühle sind gerade da? Und oft sind es nicht die freudigen, liebevollen, schönen Gefühle die da sind. Sondern es sind Ängste, Verwirrung, Panik, Einsamkeit, Überforderung, Ablehnung usw. da. Also das, was wir eigentlich grad garnicht haben wollen….
Denn gerade in der Schwangerschaft werden oft unsere eigenen Kindheitsthemen innerlich berührt und kommen zum Vorschein. Und wenn wir hierfür die Verantwortung übernehmen und diese Themen bewusst und liebevoll wahrnehmen und integrieren, dann kann auf dieser Ebene Heilung geschehen und wir geben es nicht mehr unbewusst weiter an unsere Kinder. Und das Baby kann innerlich entspannen mit dem tiefen Wissen: „Ah, meine Mutter ist zwar nicht immer in ihrer Mitte, aber sie kümmert sich darum, sie kann sich Hilfe holen, sie ist nicht allein damit. Dann kann ich mich ja entspannen, ich muss mich da nicht kümmern.“
Ein ganz anderes Gefühl bleibt aber zurück, wenn die Mutter sich nicht um ihre Themen kümmert. Dann bemerkt das Baby: „Oh, meine Mutter braucht Hilfe, ich muss ihr helfen, das zu tragen und zu halten. Ich muss auch mich selbst halten, weil niemand für mich präsent ist. Ich komme dabei in eine Überforderung, aber keiner nimmt das wahr.“
Beide Mütter sind nicht perfekt. Aber alleine dadurch, dass die eine Mutter die Verwantwortung für sich und ihre Themen übernimmt, verändert sich etwas. Die Kette von Leid, die sich oft über Generationen zieht, kann unterbrochen werden und etwas neues kann entstehen…
Dies funktioniert aber nur, wenn wir Mütter die Verantwortung für unsere Emotionen und Traumen übernehmen. Wenn wir dagegen in Schuld verharren, werden wir keine Themen lösen, sondern sie nur noch mehr verhärten.
Falls Dich das Thema anspricht und du Interesse an einer Schwangerschaftsbegleitung hast, oder generell eine Begleitung wünscht in Deinem Familienleben, kannst Du Dich gerne melden. Hier kannst Du auch gerne eine kostengünstige Kennenlernsitzung buchen. In dieser Sitzung hast Du die Möglichkeit, mich kennenzulernen und bereits in die Arbeit einzutauchen…
Liebe Grüße Andrea
1 Comment
[…] Schuld ist doch immer die Mutter! – im Ernst? […]